Verlorene Kirchenschätze

In loser Folge sollen hier Kunstwerke unserer Kirche vorgestellt werden, die im Laufe der Zeit verloren gegangen sind und deren Verbleib meist bis heute ungeklärt ist. Nach den Umwälzungen der Reformation vor fast 500 Jahren war das Anbeten der Heiligen als Aberglaube und Götzendienst verpönt, ihre Statuen und Bilder wurden dennoch häufig bis ins 19. Jahrhundert in den Kirchen aufbewahrt. Um 1850 reiste der Flensburger Gymnasiallehrer Conrad Engelhardt über die Dörfer und kaufte für geringes Geld oder für umsonst die häufig achtlos als „Gerümpel“ auf den Kirchenböden abgestellten Figuren auf. So ging einerseits den Kirchen eine Fülle kirchlicher Kunst verloren, andererseits wurden dadurch aber auch viele wertvolle Gegenstände vor dem Untergang bewahrt.

In dieser Ausgabe geht es um die Figur des Heiligen St. Georg, der auch als Drachentöter bekannt ist, weil er der Legende nach eine Königstochter vor dem Tode errettete, indem er das Untier mit seiner Lanze durchbohrte. Daraufhin ließen sich die Bewohner der Stadt taufen, aber später kehrten viele wieder zu ihrem alten Heidenglauben zurück. Georg wurde ergriffen und auf das Rad geflochten, stieg aber unversehrt wieder ab, er ging auch aus einem Kessel mit siedendem Blei „wie aus einem guten Bad“ unverletzt hervor. Als Georg aber kniete und betete, fiel Feuer vom Himmel und verbrannte die Tempel und Götzenbilder. Da ließ ihn der Richter von Pferden durch die Stadt schleifen, vierteilen und schließlich enthaupten.

Hierzulande wurde der heilige Georg als St. Jürgen verehrt, dem viele Kirchen, besonders aber die Armen- und Siechenhäuser vor den Toren der Städte geweiht waren – wie das St.-Jürgen-Hospital des Heilig-Geist-Klosters vor Flensburg (Jürgensby), zu dem u.a. der heutige Bauernhof von Hinrich Schwensen in Bredegatt sowie die Landstelle von Gustav Bruhn in Norgaardholz gehörten.

Wie man sich die St. Jürgen-Statue vorstellen kann, zeigt die St. Jürgen-Gruppe der Nordhackstedter Kirche aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Sie bestand aus dem Reiter zu Pferde, der knienden Prinzessin, einem Lamm und einem Drachen. Diese – nicht mehr ganz vollständige – Gruppe befindet sich heute im Landesmuseum auf Schloss Gottorf. Eine ähnliche Statue steht noch heute im Chorraum der Kirche von Katharinenheerd auf Eiderstedt.

1808 besaß auch unsere Kirche so eine Figur aus Eichenholz, die allerdings schon damals reichlich ramponiert war. Es existierte nur noch „ein Oberteil eines kleinen hölzernen Pferdes von Eichenholz, 1 ¾ Ellen [1 m] lang, über dem Kreuz 2/4 Ellen [gut 28 cm] breit, inwendig hohl mit Zaum und Sattel von Holz“.

Der untere Teil dieser Pferdefigur war um 1795 noch vorhanden, wurde aber von Maurern, die an der Kirche arbeiteten, zum Anrühren von Kalk benutzt. „Was dieses Spielzeug in katholischen Zeiten in der Kirche hat bedeuten sollen, ist mir ein Räthsel“, schrieb Pastor Brinckmann (1805-1818), der Vater des Küsters Seehusen soll es dagegen für ein Standbild des Ritters St. Georg gehalten haben.

Es ist schon erstaunlich, dass der damalige Pastor diese Figur nicht als den Rest einer Reiterfigur des St. Jürgen identifizieren konnte, aber er hat auch die zu seiner Zeit noch vorhandene St. Martins-Statue nicht als solche erkannt. Offensichtlich war er theologisch-kirchlich weniger bewandert, dafür interessierte ihn die Natur- und vor allem die Altertumskunde umso mehr.

Das als Maurerbottich zweckentfremdete und abgenutzte Unterteil der Steinberger St. Jürgen-Statue ist schon vor über 200 Jahren zerschlagen und entsorgt worden, über den Verbleib der oberen Hälfte der Pferdefigur und des Ritters St. Georg selbst ist nichts bekannt.

Bernhard Asmussen